Rezensionen zu "Tschechien- wieder Zeman. Kein Frühling in Prag"

Kein neuer Frühling in Prag (03.01.2014)
Hans-Jörg Schmidt zeichnet in seinem jüngsten Buch, „Tschechien – wieder Zeman. Kein Frühling in Prag“ die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens in Prag und in einem Dorf im einstigen Kreis Leitmeritz nach. 2006 hatte er schon das Buch „Tschechien: Eine Nachbarschaftskunde für Deutsche“ veröffentlicht. In der Neuerscheinung dokumentiert der Journalist in einer Sammlung von Artikeln, die er in den zurückliegenden Monaten geschrieben hat, den Alltag und die politischen Ereignisse, in der Tschechischen Republik bis hin zur letzten Präsidentenwahl.

Im Büchlein „Tschechien – wieder Zeman. Kein Frühling in Prag“ bietet Hans-Jörg Schmidt tiefgehende Betrachtungen des tschechischen Alltags und scharfsinnige politische Analysen aus der letzten Zeit. So schildert er etwa die Entwicklung der (sudeten-) deutsch-tschechischen Beziehungen und ihre Verbesserungen in „Wandel durch den Alltag“ und beschreibt seine Ankunft als vermeintlicher „Sudetak“ in Kuttendorf im Böhmischen Mittelgebirge. Dort lebte er vier Jahre lang auf dem Bauernhof seiner Lebensgefährtin Libuše. Wie der bekennende Borussia- Dortmund-Fan erstmals im heute tschechischen Chotineves mit dem Mercedes anrückt und sich in der „tschechischen Diaspora“ integriert, schildert er ebenso witzig wie Kanzlerin Angela Merkels sprachliche Integrationsbemühungen in Prag, wo sie Anfang der achtziger Jahre als Austauschstudentin war. Großen Raum in Schmidts Berichterstattung aus der Tschechischen Republik nimmt die schlechte Behandlung der dortigen Minderheiten ein: Ob nun die Diskriminierung der Roma, die Zurücksetzung der heimatverbliebenen Deutschen, denen die Hälfte der staatlichen Gelder vom Kulturministerium gestrichen wurde, die Probleme der jüdischen Gemeinden oder der christlichen Kirchen – Schmidt ist hier ein Rufer in der Wüste, der die Mißstände in seiner Wahlheimat kritisiert. Die tschechische Bürokratie, etwa bei der Paßausstellung für Ausländer und bei Straßenbaugenehmigungen, nimmt er genauso aufs Korn wie die Verbannung von gebranntem Korn aus allen Kneipen durch die Prohibition. Hauptsächlich geht es jedoch titelgerecht in „Tschechien – wieder Zeman“ um den letzten Präsidentenwahlkampf. Schmidt zeichnet dessen Vorgeschichte in „Klaus‘ letztes Jahr“ nach, wobei dieser sich auch noch in den Wahlkampf einmischte. Dabei schildert er skurrile Exzesse wie in „Tschechien sucht den Superstar“ mit den Wahlkampagnen und der Schlammschlacht zwischen vier Kandidaten – Jan Fischer, Vladimir Franz, Karl Fürst Schwarzenberg und Miloš Zeman – und die abschließende Stichwahl, aus der Zeman als Sieger hervorging. „Tschechien ist keine Präsidialdemokratie“ heißt dann das Kapitel, das darstellt, wie Zeman bei der eigenmächtigen Einsetzung von zwei Botschaftern als Präsident genau das Gegenteil zu beweisen versucht. Zemans unbelehrbare Einstellung gegenüber den Sudetendeutschen kritisiert Schmidt in „Zeman und die Vertreibung“ scharf, so wie er die Rede des damaligen Premierministers Petr Necas im Bayerischen Landtag ausdrücklich lobt. Jedoch schreibt er auch so schön: „Der Sessel der Prager Regierungschefs gleicht einem Schleudersitz“, aus dem Necas dann auch bald schon wieder herauskapituliert wurde – nach Drucklegung des prägnant geschriebenen Buches. Die Texte des Journalisten werden ergänzt von passenden Farbbildern des Fotokünstlers und Dozenten Björn Steinz, der an der berühmten „FAMU“, dem Fachbereich Fotografie der Akademie der musischen Künste in Prag, studierte. Steinz reiste für Fotoreportagen schon durch die halbe Welt, arbeitet jedoch jetzt in Prag. Seine Fotos umrahmen lakonisch die oft ironisch geschriebenen Reportagen Schmidts und zeigen Prag und Böhmen jenseits der traditionellen Reiseführer-Klischees.
 
Susanne Habel (Journalistin, München)